Rückblick, Teil 20: Hier entsteht ein Speed-Drachenboot

  • Sylvia Kuska
Das Beste aus 2014. Heute: Sport. Ein Speed-Drachenboot. Gebaut wird es in Lübesse, in See sticht es weltweit.
31.12.2014
Sylvia Kuska

Neun Meter sechzig. Eigentlich ein Katzensprung. Eigentlich. Mit kleinen kreisenden Bewegungen reibt Stephan Gierke das Schleifpapier über die dunkelgraue Fläche vor ihm.  Einen halben Meter hat er noch vor sich. Dann tauscht er das Schmirgelpapier gegen ein noch feineres  aus. Und das Reiben geht von vorn los. Neun Meter sechzig reine Handarbeit sind alles andere als ein Katzensprung.

Stephan Gierke sitzt vor einem großen Rumpf. Viel zu sehen gibt’s noch nicht. Die Form lässt aber erahnen, woran er arbeitet. Vor ihm liegt, laienhaft ausgedrückt, die „Backform" für ein Drachenboot. Mit ihrer Hilfe entsteht später die Innenschale dafür.

Geübte Drachenbootsportler würden vermutlich schon jetzt erkennen, dass an diesem Boot etwas anders ist als bei denen, die sie kennen. Es ist kleiner, als das klassische Standardboot, größer als ein Juniorboot und ganz neu. Im Juni soll das Small-Racing-Dragonboat bei den Deutschen Drachenboot Meisterschaften auf dem Faulen See Premiere feiern. Dann werden bei dem Wettbewerb erstmals zwei Bootsklassen an den Start gehen.

Immer wieder fahren die Finger von Bootsbauer Gierke über die geschliffenen Stellen, fühlen, ob alles ebenmäßig ist. Seine präzise Arbeit entscheidet später mit über Sieg und Niederlage im Wasser. Weltweit.

Wir sind in Lübesse. Hier, in einer grauen, unscheinbaren Halle am nordöstlichen Ende des Industriegebietes, sitzt Deutschlands einzige Drachenboot-Werft: die BuK Boots- und Kunststoffbau GmbH. Drachenboote zu bauen, ist seit mehr als 20 Jahren Teil ihres Kerngeschäfts. Eine neue Drachenbootklasse fertigt man aber auch hier nicht alle Tage. „Doch vor einiger Zeit brach der Internationale Drachenboot Verband mit seiner eigenen Maxime“, erzählt Geschäftsführer Andreas Stankewitz. Bisher nutzten Leistungssportler wie Hobbypaddler dieselben großen Boote mit 20 Plätzen. Nun sollte ein eigenes Wettkampfboot her.

Wie das aussehen könnte, davon machten sich Andreas Stankewitz und sein Geschäftspartner Bernd Hocker vor einem halben Jahr bei der Weltmeisterschaft in Ungarn ein erstes Bild. Dort hatte ein chinesischer Mitbewerber ein solches ins Rennen geschickt. Das war eine neue Erfahrung für die kleine Firma aus Lübesse. „In den vergangenen Jahren waren wir auf internationaler Ebene immer Vorreiter“, sagt Andreas Stankewitz. Der 54-Jährige gibt unumwunden zu, dass er beeindruckt war, von dem, was er sah. Er erkannte aber auch die Schwachstellen. Und die Chance, die sich damit für seine Firma bot.

Kaum zurück in Deutschland, gingen die Bootsbauer an die Arbeit. Die Maße gab der Internationale Drachenboot Verband vor: 9,60 mal 1,01 Meter. Das ist Platz für zehn Paddler, einen Steuermann und einen Trommler. Das Design entwickelten die Lübesser selbst.

Ein zwölfsitziges Boot gibt es doch schon, wendet manch (Hobby-)Drachenbootsportler jetzt vielleicht ein. Stimmt. Das Juniorboot. „Aber der Anspruch an die Leistungsfähigkeit der Boote ist derart gestiegen, dass das Juniorboot diesem nicht mehr gerecht werden kann“, sagt Andreas Stankewitz. Daher ist das neue Boot auch gut einen halben Meter länger und etwas schmaler. Eben auf Geschwindigkeit gebaut. „Und deshalb nur etwas für trainierte Teams.“ Ohne Übung wäre die Fahrt eine kippelige Angelegenheit.

Im Mai soll das Small-Racing-Dragonboat in Serie gehen. Drachenbootsportler aus Floriada und Kanada haben schon ihre Bestellung aufgegeben. Zum ersten Mal in See sticht es aber dort, wo ohne die Bootsbauer aus Lübesse vermutlich keine Drachenbootfestivals stattfinden würden: in Schwerin.